Musiktherapie

 

Musiktherapie an Musikschulen

 

Die Musikschule als Arbeitsplatz von MusiktherapeutInnen: dies ist in manchen Gegenden längst bewährte Tradition (z.B. Stuttgart, Hamburg, Mannheim), wird jedoch auch in kleineren Musikschulen und ländlichen Gegenden immer häufiger und selbstverständlicher.

Im Jahr 2002 gründete sich der Bundesweite Arbeitskreis Musiktherapie an Musikschulen (BAMMS), um all die MusiktherapeutInnen, welche bereits an Musikschulen arbeiten, zu vernetzen und den Standort zu etablieren und weiterzuentwickeln.

Auch der Verband deutscher Musikschulen (VdM) hat Musiktherapie inzwischen als eigenständiges „Fach“ an der Musikschule offiziell anerkannt und begrüßt und unterstützt musiktherapeutische Arbeit an Musikschulen im Sinne von Ergänzung des Bildungsauftrags von Musikschulen.

MusiktherapeutInnen arbeiten an Musikschulen mit geistig, körperlich oder seelisch behinderten Menschen (auch Erwachsenen) und mit Kindern und Jugendlichen mit Entwicklungsstörungen oder Verhaltensauffälligkeiten in emotionalen und sozialen Bereichen. Abhängig von der therapeutischen Zielsetzung und der Qualifikation des/der Musiktherapeuten/-in verstehen sich die Einzel- und Gruppentherapien als entwicklungsförderndes oder psychotherapeutisches Angebot.

Die Musikschule als öffentliche Einrichtung, welche wiederum von Land und Gemeinde unterstützt wird, liefert einen Beitrag zum Bedarf an ambulanter Musiktherapie für betroffene Kinder, Jugendliche sowie deren Eltern.

Aber auch die Musikschule selbst profitiert von der Einstellung von MusiktherapeutInnen: Oft werden Kinder und Jugendliche innerhalb des Instrumentalunterrichts auffällig und können dann – auch parallel dazu - niederschwellig begleitet und dadurch „gehalten“ werden (z.B. sozial ängstliche oder hyperaktive Kinder, Kinder mit Leistungsblockaden, etc.). Kinder und Jugendliche, die aufgrund einer Behinderung, einer Entwicklungsverzögerung oder belastender emotionaler und sozialer Faktoren (z.B. Migration, familiärer Krisen, etc.) im „ganz normalen“ Unterricht „untergehen“ würden, aber eine hohe Affinität zur Musik haben, können auf diese Weise integriert werden: Musikschule als Ort von Musik für alle Lebens- und Bedürfnislagen.

Im Gegensatz zu den instrumentalpädagogischen Angeboten (auch denen speziell für behinderte Schüler!) stellt die Musik in der Musiktherapie nicht das Ziel, sondern „nur“ das Mittel dar: um außermusikalische, therapeutische Ziele (z.B. Reduktion von Symptomen, Bearbeitung von Konflikten, Selbstwertstärkung, Förderung von emotionalen/sozialen/motorischen Kompetenzen, etc.) zu erreichen.

MusiktherapeutInnen arbeiten an Musikschulen auch mit Kindern und Jugendlichen, die Auffälligkeiten zeigen, jedoch (noch!) keine massive Störungen bzw. Diagnosen haben. Auf diese Weise erhalten die Betroffenen Unterstützung, bevor es womöglich zu schwerwiegenderen Verläufen kommt, was einen wichtigen Beitrag zur Prävention darstellt.

Durch die Zusammenarbeit von Musikschulen und Schulen finden Kinder und Jugendliche mit schulischen Problemen im Rahmen von Musiktherapie Hilfestellungen, um lernen zu können.

Außerdem werden MusiktherapeutInnen mit ihrem Fachwissen und ihrer Haltung innerhalb des instrumentalpädagogischen Kollegiums genutzt und geschätzt: für pädagogische Fragen im Umgang mit „schwierigen“ Schülern, für methodische Fragen (Improvisationsformen/Spielvorschläge, die auch in der Unterrichtssituation hilfreich sind) oder für gemeinsame Projektarbeit (z.B. musikalische Sprachförderung, integrative Ensembles, Präventionsprogramme, etc.).

Häufig engagieren sich MusiktherapeutInnen an Musikschulen neben dem Angebot ambulanter Musiktherapie auch in Kooperationen der Musikschule mit anderen Institutionen: Allgemeinbildende Schulen, Sonderschulen, Kindergärten, Einrichtungen für behinderte Menschen, örtliche Beratungsstellen, Jugendamt, u.v.m. und tragen dadurch bei zur Vernetzung der Musikschule in der Region und zur Öffentlichkeitsarbeit.

Fallbeispiel

Marvin* ist 5 Jahre alt, kommt zur Musikalischen Früherziehung und überfordert dort die Elementarpädagogin sowie die Gruppe aufgrund einer ADHS-Symptomatik durch anhaltendes Stören und mangelnde Konzentrationsfähigkeit. Im Gespräch mit den Eltern ergibt sich der Bedarf von therapeutischer Unterstützung, es erfolgt zum Schuljahreswechsel die Anmeldung zur Einzelmusiktherapie.

Marvin erklärt in seiner ersten Sitzung stolz, dass er hiermit in die „die zweite Klasse in der Musikschule“ kommt und zeigt eine große Motivation für die Musiktherapie ohne eine Sekundärproblematik von Stigmatisierung und Selbstwertverlust zu entwickeln. Ursachen des hyperaktiven Verhaltens können durch musikalisches Rollenspiel aufgedeckt und bearbeitet werden, regelmäßige Elterngespräche verbessern den Umgang mit Marvin und seinen Verhaltensweisen. Impulskontrolle, Erwerb von Frustrationstoleranz werden durch diverse Spielvorschläge spielerisch erprobt und gefördert. Gemeinsame assoziative Improvisationen helfen Marvin, seine akustische Wahrnehmungsverarbeitung sowie seine Fähigkeit, zuzuhören, weiterzuentwickeln. Nach insgesamt eineinhalb Jahren verbessern sich seine Verhaltensweisen so nachhaltig, dass eine bereits geplante medikamentöse Behandlung aus Sicht der Eltern und des behandelnden Arztes nicht mehr nötig erscheint. Die Musiktherapie wird beendet und Marvin selbst beschließt, jetzt ein „richtiges“ Instrument (Schlagzeug) lernen zu wollen: Übergang in die „dritte Klasse“ (O-Ton Marvin) der Musikschule.

Fallbeispiel

Tamara* ist 11 Jahre alt als sie zum ersten Mal zur Musiktherapie kommt. Zuvor besuchte sie den Flötenunterricht in der Musikschule, kam jedoch nach Aussagen der Instrumentalpädagogin immer unregelmäßiger und zeigte Motivations- und Leistungseinbußen. Beim Abschlussgespräch des Flötenunterricht stellt sich heraus, dass sich Tamaras Eltern in einer für alle Familienmitglieder belastenden Trennungssituation (plus Gewaltandrohungen, Rechtsstreit, etc.) befinden. Die Mutter berichtet, ihre Tochter ziehe sich immer mehr zurück, falle in ihren Leistungen in der Schule massiv ab und entwickle bulimische Verhaltensweisen. Sie nimmt den Hinweis der Pädagogin auf die Möglichkeit, Musiktherapie für Tamara im Sinne von Krisenintervention zu nutzen, dankbar auf.

In Zusammenarbeit mit der lokalen psychologischen Beratungsstelle (Beratung der Mutter, Behandlung des ebenfalls auffällig gewordenen Bruders) geht es in der Musiktherapie zunächst darum, Tamara ein verlässliches und stabilisierendes Setting anzubieten, in dem Raum ist für ihre seelische Belastung.

Nach anfänglicher Scheu nutzt sie die Musiktherapie zunehmend, um von schwierigen Situationen ihrer letzten Woche zu erzählen und anschließend frei zu improvisieren. Dabei fällt ihre Wahl kleiner Instrumente (Glockenspiel, Kantele, etc.) und ihre gleichförmige, auf Harmonie bedachte Spielweise auf. Im Nachgespräch betont Tamara stets, wie „schön“ sie die gemeinsame Musik empfunden hätte und wie viel besser es ihr nach den Improvisationen gehe. So geht es in den ersten Sitzungen vor allem um das Erleben eines geschützten Raum und von „Schönem“ bzw. Nährendem - neben all dem „Unschönen“ und Bedrohlichen, das Tamara in ihrem Umfeld verarbeiten muss.

Im Rahmen der regelmäßig stattfindenden Elterngespräche (mit der Mutter) wird deutlich, dass Tamara Schwierigkeiten in ihrer Klasse habe; sie würde oft gehänselt, komme dann weinend nach Hause und wolle morgens nicht zur Schule gehen. Durch die offene Behandlungsdauer (nur abhängig vom Vertrag mit den Eltern, nicht gebunden an zuvor festgelegte Anzahl an bewilligten Stunden) ist es möglich, neue bzw. zusätzliche Therapieziele in den definierten musiktherapeutischen Auftrag zu integrieren: innerhalb von musikalischen Rollenspielen, assoziativen Improvisationen (z.B. „Wehrmusik“) setzt sich Tamara spielerisch mit dem Erproben eines selbstbewussteren und abgrenzungsfähigen Auftretens auseinander. Sie gewinnt an Selbstvertrauen und integriert aggressive Empfindungen als etwas nicht per se Schlechtes und Destruktives (wie sie es in den Streitigkeiten der Eltern erlebt hat), sondern als notwendige emotionale Reaktion zur Selbstbehauptung. Sie „wagt“ sich an große und starke Instrumente wie Schlagzeug und Big Bom und nimmt beim Spielen ihre eigene Ausdruckskraft und Selbstwirksamkeit wahr.

Nach insgesamt drei Jahren endet die Musiktherapie im Einvernehmen mit Tamara selbst und ihrer sorgeberechtigten Mutter, nachdem sich die familiäre Situation beruhigt hat, Tamara stabil wirkt, keine bulimischen Verhaltensmuster mehr zeigt und innerhalb der Schule gut zurecht kommt (sowohl im sozialen Verhalten als auch in ihren Leistungen).

Zwei Jahre später sucht sie erneut den Kontakt zur Musiktherapie an der Musikschule nachdem sie innerhalb ihrer Peer-Group das Opfer eines einmaligen sexuellen Übergriffs geworden ist. Gemeinsam mit dem regional zuständigen Beratungszentrum gegen sexuelle Gewalt (Wildwasser e.V.) wird Tamara begleitet, um ihr Trauma verarbeiten zu können. Die vertraute Beziehung zur Musiktherapeutin und Tamaras verinnerlichte Erfahrung, sich über die Musik aktiv emotional ausdrücken und entlasten zu können, erweist sich im folgenden, noch andauernden musiktherapeutischen Verlauf als hilfreich und stabilisierend.

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* Namen geändert

Autorin

Cordula Reiner-Wormit
Dipl.-Musiktherapeutin (FH)
Psychotherapie (HPG)

Heidelberg